Digitaler Bahnbetrieb: Wie die Adaptive Zuglenkung die Effizienz im ÖBB-Netz steigert

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  • Adaptive Zuglenkung (AZL) unterstützt die ÖBB dabei, außerplanmäßige Halte zu reduzieren und den Bahnbetrieb zu stabilisieren.
  • Evolit begleitete dieses Vorhaben mit methodischem Projektmanagement und strukturiertem Requirements Engineering.
  • Zentrale Aufgaben umfassten die Steuerung eines hochkomplexen Projektzeitplans, die Anwendung des SFERA-Standards an der Schnittstelle zwischen TMS und Fahrzeugkommunikation sowie die fachliche und methodische Begleitung zentraler System- und Prozesserweiterungen.
  • Die Vorgangsweise umfasste ein High-Level Datenflussdiagramm, Identifikation der zu modifizierenden und neu entwickelnden Systeme und die Koordination der Schnittstellenentwicklungen zwischen den Systemen.
  • Erste Ergebnisse zeigen Potenziale in Pünktlichkeit, Energieeinsparung und betrieblicher Effizienz.

Die Digitalisierung verändert den Bahnbetrieb vom Grunde auf. Sie macht ihn auf allen Ebenen transparenter, denn die Vernetzung von Systemen, vom Triebfahrzeug bis zum Dispositionssystem und dem Stellwerk, lässt Daten effizienter fließen, strukturiert ablegen und somit AI unterstützt auswerten. Mit dem Programm „Digitaler Bahnbetrieb“ setzte die ÖBB-Infrastruktur AG – einer der größten Bahninfrastrukturbetreiber Europas – ein starkes Signal für die Zukunft des Schienenverkehrs. Ein zentrales Vorhaben innerhalb dieses Programms ist das Großprojekt Adaptive Zuglenkung (AZL).

Evolit durfte das dreiköpfige Projektmanagement-Team und die zugehörigen Technologiemanager:innen aus dem Fachbereich „Zugsteuerung” und „Digitale Services“ insgesamt sechs Jahre begleiten, um eine Grundlage für mehr Pünktlichkeit, Energieeffizienz und einen stabileren Bahnbetrieb zu schaffen.

Im täglichen Bahnbetrieb entstehen Situationen, in denen Züge unerwartet zum Stillstand kommen. Was auf Einzelzugebene harmlos wirkt, kann im Gesamtnetz Dominoeffekte auslösen: Kommt der Zug in einem Blockabschnitt zum Stehen, müssen nachfolgende Züge, um Wartezeiten zu vermeiden, umdisponiert werden, wie z. B. Initiierung eines Gleiswechselbetriebes oder Etablierung eines alternativen Fahrweges. Für die ÖBB bedeutete das, Konflikte im Zuglauf möglichst früh und effizient zu lösen, um einen stabilen und sicheren Betrieb sicherzustellen.

Die Ziele des Projekts AZL waren entsprechend ambitioniert: An der neu zu entwickelnden Zugfahrt-Management Schnittstelle (ZFM-SST) mussten ein zugbezogener Buchfahrplan, die digitalen operativen La’s (Langsamfahrstellen) und die Echtzeit-Fahrempfehlung (AZL-Fahrempfehlung) bereitgestellt werden. Dafür mussten Lösungen entstehen, die sich nahtlos in bestehende Systeme integrieren und gleichzeitig den technologischen Anforderungen eines modernen Bahnnetzes gerecht werden.

Eine besondere technische Herausforderung lag in der Implementierung einer neuen Schnittstelle gemäß SFERA-Standard zwischen dem Traffic Management System (ARAMIS) und den Fahrzeugen, sowie einen Bestellprozess zu etablieren, der die Zusammenarbeit von Stakeholdern mit divergierenden Interessen erforderte. Eingebettet war dieses vielschichtige Großprojekt im Gesamtprogramm „Digitaler Bahnbetrieb“ mit zahlreichen weiteren Stakeholdern, weiteren parallelen Entwicklungssträngen und einem hohen Abstimmungsbedarf bei sich laufend ändernden Kommunikationsplänen.

Um in diesem Kontext erfolgreich zu sein, war eine disziplinierte, strukturierte, vorausblickende, versierte Projektbegleitung notwendig, mit fundierter IT-Kompetenz sowie solidem Grundverständnis betreffend der Eisenbahninfrastruktur.

Die Vielzahl an Zielen, Systemen und Anforderungen machte von Beginn an eine klare und konsistente Projektstruktur notwendig. Diese wurde in MS Project, Confluence und Jira abgebildet und über alle Systeme hinweg synchron gehalten. Im laufenden Projektbetrieb musste diese Struktur mehrfach angepasst werden – mit direkten Auswirkungen auf sämtliche Planungsgrundlagen, insbesondere auf einen hochkomplexen, stark vernetzten Projektzeitplan. Evolit unterstützte die operative Projektleitung von AZL bei dieser anspruchsvollen Aufgabe durchgehend und umfassend.

Gemeinsam analysierten wir die bestehenden Abläufe und identifizierten jene Arbeitspakete, Lieferobjekte und Abhängigkeiten, die für den Projekterfolg entscheidend waren. Dadurch entstand ein gemeinsames Verständnis über Struktur-, Zeit-, Kommunikations- und Risikoplanung sowie über das Management des Projektumfangs. Gerade in einem Projekt dieser Größenordnung war es entscheidend, den Scope klar abzugrenzen und gleichzeitig flexibel zu bleiben, da sich Inhalte im Projektverlauf weiterentwickelten.

Darauf aufbauend entwickelten wir eine methodische Anforderungsstruktur, die bewusst auf mehreren Ebenen arbeitete. Aus den übergeordneten Projektzielen wurden zunächst Soll-Prozesse auf einer abstrahierten Überblicksebene abgeleitet, um den Gesamtablauf transparent darzustellen. Erst im nächsten Schritt erfolgte die Detaillierung: Use Cases wurden konkretisiert, funktionale Anforderungen definiert und darauf basierend entschieden, welche bestehenden Systeme erweitert oder welche neuen Systeme entwickelt werden mussten.

Zu den zentralen technischen Aufgaben zählte zudem die Definition und Steuerung des Bestellprozesses in M-AMA (Modulares Auftragsmanagementsystem) sowie der zugehörigen Schnittstellen – unter anderem in Richtung eines Token-Services für den Bezug der Fahrempfehlungen durch Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVUs). Die technische Umsetzung wurde über mehrere Teams hinweg koordiniert, kommunikative Schnittstellen klar definiert und Abhängigkeiten konsequent transparent gehalten.

Die größte Herausforderung lag dabei in der hohen technischen Komplexität: Zahlreiche Systeme mussten miteinander kommunizieren, neue Schnittstellen waren zu entwerfen und in eine übergreifende Integrationsarchitektur einzubetten. Ein detailliertes Datenflussdiagramm diente als gemeinsame Referenz und machte die Funktionslogik für alle Beteiligten nachvollziehbar.

Durch diese strukturierte und mehrstufige Herangehensweise gelang es, die Komplexität beherrschbar zu machen und das Projekt zielgerichtet voranzutreiben.

Methodische Herangehensweise im AZL Projekt 2
Tablet weis

Mit der Adaptive Zuglenkung schafft die ÖBB eine Grundlage für einen moderneren, intelligenteren Bahnbetrieb. Erste Auswirkungen sind bereits deutlich spürbar: Stabilere Abläufe, reduzierte Konflikte im Zuglauf und ein gleichmäßigeres, energieeffizienteres Fahrverhalten. Durch vorausschauende Fahrempfehlungen lassen sich außerplanmäßige Halte reduzieren, was sich unmittelbar positiv auf die Pünktlichkeit auswirkt.

Auch die Energieeffizienz profitiert: Wenn Züge weniger abrupt bremsen und wieder anfahren müssen, sinkt der Energieverbrauch, das ist ein wichtiges Signal in Richtung nachhaltiger Verkehrssysteme.

Die Zusammenarbeit im Projekt AZL zeigt, wie anspruchsvoll moderne Bahnsteuerung sein kann und wie wichtig eine klare Struktur, technisches Detailwissen und ein gutes Stakeholder-Management sind.

Mit unserer Expertise im Projektmanagement, Requirements Engineering und in der Begleitung komplexer Infrastrukturprojekte konnten wir dazu beitragen, einen Prozess zu gestalten, der künftig einen deutlichen Mehrwert für den Bahnbetrieb in Österreich bietet.

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